Brand der Kathedrale Notre-Dame-de-Paris am 15.04.2019

In Paris, Frankreich ist gestern (15.04.2019) abend in der Kathedrale Notre-Dame-de-Paris ein Brand ausgebrochen und dieser konnte erst heute in der Früh unter Kontrolle gebracht werden. Ersten Meldungen zufolge konnten die Ecktürme der Westfassade und die tragende Struktur der Kirche gerrettet werden. Der Dachstuhl und der Dachreiter (Türmchen über der Mitte der Kirche, der Vierung) sind ein Raub der Flammen geworden und eingestürzt. Als Feuerwehrmann interessiert mich natürlich was dort passiert ist und so habe ich gestern und heute viel auf den diversen Nachrichtenseiten darüber gelesen. Auf etlichen dieser Seiten gibt es auch Foren und Kommentarbereiche, wo jedermann und -frau dazu posten kann. Dabei ist mir leider auch vieles untergekommen, worüber ich als Feuerwehrmann den Kopf schütteln muß. Ich möchte daher versuchen einige Dinge zu dem Brand zu erklären, soweit das mit den vorhandenen Informationen aus der Ferne möglich ist.

 

Brandursache
Über die Brandursache kann man bislang nur spekulieren, da die Feuerwehr noch dabei ist Nachlöscharbeiten durchzuführen. Bekannt ist aber bereits, daß Bauarbeiten stattfanden und Teile des Dachs und insbesonders der Dachreiter eingerüstet waren. Ob der Brand durch die Bauarbeiten verursacht wurde oder nicht, müssen erst die Ermittlungen zeigen. Diese Vermutung liegt meiner Meinung nach jedoch weit näher, als Spekulationen zu jeder anderen möglichen Brandursache. Das liegt einfach daran, daß der vorbeugende Brandschutz auf Baustellen aufgrund der vielen und permanenten Änderungen sehr schwierig umzusetzen ist und leider auch nicht immer bei den ausführenden Professionisten die entsprechende Priorität hat. Ob die Brandursache auf ungenügende Kontrollen (z. B. nach Heißarbeiten wie Trennschendien, Schweißen, etc.), einen technischen Defekt (z. B. bei einem elektrischen Handwerkzeug)  oder sonst ein Versehen zurückzuführen sein wird, werden die Brandursachenermittlungen zeigen.

 

Einsatz und Vorbereitung
Zur Brandbekämpfung durch die Pariser Feuerwehr möchte ich festhalten, daß so ein Großschadensereignis eine gewaltige Herausforderung darstellt, auf die sich auch Feuerwehren nicht so einfach vorbereiten können. Ich bin mir sicher, daß es entsprechende Alarm- und Einsatzpläne für Objekte dieser Dimension und Bedeutung auch in Paris gibt, ob die Pläne tatsächlich halten und gut ausgearbeitet waren, läßt sich jedoch mit Übungen nur bedingt überprüfen – es zeigt sich letztendlich immer erst im Einsatzfall, ob ein Plan gut ausgearbeitet war.
Es wurde auch viel darüber spekuliert, ob die Pariser Feuerwehr zu Beginn des Einsatzes mit genügend Fahrzeugen und Mannschaft vor Ort war. Aus eigener Erfahrung kann ich hier nur sagen, daß es gerade am Beginn eines Einsatzes sehr chaotisch ablaufen kann, da sich der Einsatzleiter erst ein Lagebild verschaffen muß und dann die Einsatzkräfte einteilen muß. Zu viele Fahrzeuge und Mannschaften am Beginn bringen nichts, da eben noch nicht klar ist, was genau los ist, wo es brennt und von wo aus die Löschangriffe starten müssen.
Weiters muß auch immer beachtet werden, daß der Schutz des restlichen Einsatzgebietes aufrechterhalten wird. Es können nicht alle Pariser Feuerwehrleute beim Brand in der Kirche eingesetzt werden, da in einer Millionenstadt wie Paris gleichzeitig und von der Öffentlichkeit unbemerkt viele weitere Einsätze zu absolvieren sein werden.

 

Hubrettungsgeräte, Löschwasser und Einsatztaktik
Zu den eingesetzten Hubrettungsgeräten möchte ich folgendes festhalten: Notre-Dame-de-Paris hat Abmessungen von etwa 130x48m und einer Dachhöhe von ca. 35 m, die Ecktürme der Westfassade sind ca. 69 m hoch und der Dachreiter war etwa 93 m hoch. Eine typische und bei den Feuerwehren in Europa häufig eingesetzte Drehleiter hat bei einer Ausladung von 12 m eine Arbeitshöhe von 23 m; das korrespondiert mit der definierten Hochhausgrenze von 22 m in vielen technischen Bauvorgaben. Da die Drehleiter aufgrund von Hindernissen oder auch um nicht von herabstürzenden Teilen getroffen zu werden, nicht unmittelbar neben der Kirchenmauer aufgestellt werden kann, kommt man mit dem Drehleiterkorb nicht einmal annähernd auf Höhe des Dachgiebels. Natürlich gibt es auch Drehleitern, die eine noch höhere Ausladung und Reichweite haben, wie viele davon in Paris vorhanden sind, ist mir aber nicht bekannt. Außerdem gibt es noch Teleskopmastbühnen bei der Feuerwehr, die eine Hubhöhe von bis zu ca. 50 m erreichen können. Von diesen Teleskopmastbühnen sind im Vergleich zu den Drehleitern meistens nur sehr wenige vorhanden. Mit den auf den Körben der Drehleitern und Teleskopmastbühnen montierten Wasserwerfern werden je nach Type Wurfweiten um die ca. 30 – 50 m bei Löschwasserraten von 800 bis 2000 l/min erzielt. Das heißt also, daß selbst mit solchen Hubrettungsgeräten der Feuerwehr der Brand im Dachbereich gerades so erreicht werden kann. Je mehr Löschleitungen parallel eingesetzt werden, desto mehr Wasser wird auch benötigt. Klar, die Seine befindet sich gleich neben der Kathedrale, aber für jede Saugleitung werden weitere Feuerwehrleute und Fahrzeuge benötigt. Und gleichzeitig sollen noch Feuerwehrleute unter Atemschutz im Innengriff wertvolle Kunstgüter und Reliquien retten. Nur zum Vergleich, aus einem typischen Hydranten der Ortswasserversorgung können zwischen 800 und 1200 l/min entnommen werden; in Hirtenberg ist aus der Ortswasserversorgung einen Gesamtentnahme unter guten Bedingungen von vielleicht bis zu 4000 l/min möglich.
Die Feuerwehrleute, die mit Atemschutz im inneren der Kathedrale eingesetzt waren, mußten nach dem Einsturz des Dachreiters zurückgezogen werden, da die steinerne Gewölbedecke über dem Innenraum so stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, daß Teile derselben eingestürzt sind. Die Trümmerlast, die durch den zusammengebrochenen Dachstuhl auf der Gewölbedecke lastet, darf nicht unterschätzt werden. Anschließend setzte die Pariser  Feuerwehr im Innenraum sogar einen ferngesteuerten Löschroboter ein, um Feuerwehrleute nicht zu gefährden – modernste Technik also! Ich weiß nicht, ob und wo so ein Gerät in Österreich verfügbar wäre.

Anmerkung vom 18.04.2019: Es gibt einen ca. 3,8 t schweren und 220.000 € teuren Löschroboter bei der FF Völkermarkt mit einer Löschturbine, der für Trafobrände in einem Umspannwerk der Austrian Power Grid angeschafft wurde. Eine Verlegung über 260 km würde ca. 3,5 h dauern. Weitere Löschroboter sind bei der BF Innsbruck und bei der BF Linz stationiert. Außerdem gibt es einen österreichischen Hersteller von Löschrobotern, die aber eher für Raffinierie- und Industriebrände gedacht sind. Ob der Einsatz solcher Turbinenlöschroboter im Innenangriff sinnvoll ist, kann ich nicht beurteilen, da sie einfach nicht kenne. Der in Paris eingesetzte „Colossus“ scheint jedoch bei diesem Brandereignis gute Dienste geleistet zu haben.
Auch ist wohl gut erkennbar, daß das zum Teil hunderte Jahre alte und trockene Holz des Dachstuhls ziemlich gut brennt. Eine weit verbreitete Taktik bei den Feuerwehren ist, zu schützen, was noch geschützt werden kann und Bereich, die nicht gehalten werden können, kontrolliert abbrennen zu lassen und so eine Brandausbreitung zu verhindern. Da der hölzerne Dachstuhl eine enorme Brandlast darstellte, in der sich das Feuer rasant ausbreiten konnten, war der Brand dort wohl selbst unter Einsatz aller verfügbarer Mittel nicht abzulöschen und die Feuerwehr hat sich zu recht darauf konzentriert, mit den vorhandenen Resourcen die Ausbreitung des Brandes auf noch nicht betroffene Bereiche (wie z. B. die Ecktürme der Westfassade und den Innenraum der Kathedrale) möglichst zu behindern.
Man kann schon erkennen, daß so ein Brandereignis für die Feuerwehr nicht so ohne ist.

 

Löscheinsatz mit Fluggeräten
Und dann kommen noch so manche – an der Spitze der Präsident der USA – und meinen, man solle doch einfach Wasser aus Flugzeugen und Hubschraubern abwerfen. Ganz abgesehen davon, daß es seine Zeit braucht, bis die einsatzfähig sind (in Österreich über den Flugdienst der Feuerwehren gemeinsam mit dem Bundeheer, der Polizei und privaten Organisationen), würde das abgeworfene Löschwasser – sofern der Brandherd auch getroffen wird – wenig Wirkung zeigen, aber viel Schaden anrichten. In so eine Hubschrauberlöschbehälter passen zwischen 500 (bei einem Airbus H-135 der Polizei) und 3000 Liter (bei einem Black Hawk des Bundesheeres), die in kürzester Zeit aus großer Höhe auf das Dach krachen. In Löschflugzeuge paßt zwar mehr Wasser, die sind in Frankreich aber eher im Süden in den Waldbrandbrandgebieten stationiert. Solange die Dachdeckung noch intakt ist, rinnt das abgeworfene Löschwasser ohne Wirkung ab oder zerstört aufgrund der Aufprallwucht  eventuell darunterliegende tragende Strukturen. Nach wenigen Sekunden ist das Löschwasser wirkungslos weg, bis das nächste Fluggerät kommt, während mit den Wasserwerfern zielgerichtet weitergelöscht werden kann. Das Gewicht des abgeworfenen Wassers beträgt je nach Menge mehrere hundert Kilo bis einige Tonnen. Aus größerer Höhe (die Hubschrauber können aufgrunder verschiedener Faktoren, wie Rauch und Thermik sowie Rotorabwinde nicht allzu tief über dem Gebäude fliegen) abgeworfen, bekommt das Löschwasser auch eine entsprechende Geschwindigkeit und die Aufprallwucht ist mit einem Frontalcrash eines Autos oder sogar LKWs vergleichbar. Löschen aus der Luft ist nur sinnvoll bei Wald- und Flurbränden in unzugänglichem Gebiet, bei einem Gebäudebrand – auch in dieser Dimension – aber schlicht unnötig bis gefährlich.

 

Gute Besserung!
Leider wurde bei dem Brand ersten Meldungen zufolge auch ein Feuerwehrmann schwer verletzt, dem ich natürlich gute Besserung wünschen möchte! Speziell Einsätze in solchen Dimensionen, aber auch kleinere Einsätze sind aufgrund vieler unvorhersehbarer Situationen immer sehr gefährlich für uns.

 

 

Ich hoffe, ich konnte mit dem zugegeben etwas längeren Text doch den einen oder anderen Sachverhalt zum Brand aufklären.

Euer Feuerwehrkommandant von Hirtenberg, Franz-Xaver Wallisch
(FXW, 16.04.2019 | FXW, Artikel am 17.04.2019 geändert: Einsatztaktik hinzugefügt, Löscheinsatz mit Fluggeräten adaptiert| FXW, Artikel am 18.04.2019 geändert: Löschroboter)